06.09.2020

Immer wieder Wiedenbrück

von Hendrik Stürznickel

Schon vor dem Spiel verwunderte die Heimstatistik gegen den SC Wiedenbrück. Während RWE andere vermeintliche Angstgegner auch in den letzten Jahren immer wieder zu Hause bezwingen konnte, nahmen die Wiedenbrücker immer wieder Punkte in die Heimat mit. Hofften wir RWE-Fans am Ende des heutigen Spiels noch, dass RWE einen alles andere als spektakulären Arbeitssieg einfahren könnte, zerstörte Daniel Latkowski die Hoffnung auf einen Start nach Maß in buchstäblich letzter Minute mit einem Traumtor.

Christian Neidhart vertraute in seiner Aufstellung der Elf, die den Niederrheinpokal gewann. Neben den angeschlagenen Maximilian Pronichev und Cedric Harenbrock fanden sich auch Hamdi Dahmani und Felix Herzenbruch auf der Tribüne wieder. Gerade letztere Personalie überraschte, da Herzenbruch mit starken Leistungen in Tests und in den Pokaleinsätzen auf sich aufmerksam machte. Er zeigte sich dann aber sehr redegewandt und unterhaltsam als Co-Kommentator des Streams.

Eröffnungsspiele in Essen machen normalerweise mindestens bis zum Anpfiff großen Spaß. Am Ende sind doch wieder alle aus ihren Löchern gekrochen, egal ob sie auf den positiven Start hoffen oder mal wieder richtig meckern wollen – man habe es doch gewusst, dass es wieder nichts wird. Man trifft diejenigen, die sich mit einem freuen und leiden über die ganze Saison und die man durch die Sommerpause viel zu wenig gesehen hat und dann kommt der elektrisierende Moment, wenn Adiole durch die Lautsprecher klingt. Die Corona-Saison verdarb den RWE-Fans diese Momente und so liefen die Mannschaften nüchtern auf und es ging los.

Es lag nicht nur an den fehlenden Anfeuerungsrufen, dass vor dem Fernseher keine rechte Euphorie ausbrechen wollte. Wiedenbrücks Taktik war – wie vorher vermutet – Beton der Marke extrafest anzurühren. Die Essener Spieler liefen beinahe vor eine Wand und fanden keine Mittel, diese auch nur ansatzweise zu erschüttern. Es dauerte beinahe eine halbe Stunde, bis es zum ersten Mal sehr eng für Wiedenbrücks Schlussmann Marcel Hölscher wurde. Alexander Hahn führte einen Freistoß nach Foul an Engelmann direkt aus und traf das Aluminium. Der äußere Pfosten lenkte den Ball ins Aus.

Auch diese Möglichkeit führte nicht zum Sturmlauf. Erst kurz vor dem Pausenpfiff spielte RWE mal schnell durch seine Reihen und gleich zweimal (41., 44.) vergab Joshua Endres gute Einschussmöglichkeiten. Hier sei ein Wort zu den beiden Außen gesagt. Endres wie auch Oguzhan Kefkir konnten kaum Gefahr über die Flügel bringen. Gerade vom erfahrenen Kefkir kennen wir ein anderes Gesicht, das sollte er unbedingt wieder zeigen, um den Druck auf den Gegner zu erhöhen. Wenn es von Außen gefährlich wurde, dann war Sandro Plechaty dafür verantwortlich. Plechaty war einer der wenigen, die über das ganze Spiel eine konstant starke Leistung abgerufen haben.

In der Pause hat Christian Neidhart offensichtlich klare Worte gefunden, denn RWE hatte ein ganz anderes Auftreten in der zweiten Hälfte. Nachdem Engelmann einen super Pass vor den leeren Wiedenbrücker Kasten spielte, der keinen Abnehmer fand, und wenige Sekunden später noch am Keeper scheiterte, krönte der Neuzugang seine Leistung mit dem ersten Regionalligator für Rot-Weiss Essen. Sandro Plechaty nahm sich in der 55. Minute ein Herz und hielt kräftig auf den Kasten von Marcel Hölscher. Dieser konnte nur abklatschen lassen. Engelmann hatte den nötigen Instinkt und verwandelte zum 1:0.

RWE kam nun besser ins Spiel und drängte auf die Vorentscheidung. Die wohl beste Chance hatte einmal mehr Joshua Endres, der von Engelmann bestens in Szene gesetzt wurde und den Ball eher in Richtung Torwart passte, als dass man es einen Torschuss hätte nennen können (61.). Am Ende konnte RWE trotz guter Chancen nicht das erlösende 2:0 machen, hatte das Spiel aber im Griff.

Dies wechselte etwa eine Viertelstunde vor Schluss, denn Wiedenbrück sah es gar nicht ein, die Punkte ohne Widerstand an der Hafenstraße abzuliefern und störte RWE nun schon früher. Hier wurde es mehrmals unnötig gefährlich, weil RWE immer wieder leichte Bälle im Spielaufbau in der eigenen Hälfte verlor und es schnelle Konter gab. Kurz vor Schluss spielte der kurz vorher eingewechselte Dennis Grote einen katastrophalen Fehlpass zum Gegenspieler, der schnell in die andere Richtung weiterleitete und von Daniel Heber nur durch ein Foul gestoppt werden konnte. Der Freistoß wurde noch von der Essener Abwehr geklärt, der hinausgeköpfte Ball kam jedoch zu Daniel Latkowski und der feuerte einfach mal aus der zweiten Reihe. Der Ball schlug im rechten Winkel ein und es stand 1:1. Am Ende muss man sagen, dass das Tor durch die chaotische und schlechte Phase ab der 75. Minute nicht unverdient war.

Dennoch fühlt sich dieses Unentschieden wie eine herbe Niederlage an. Trotz Corona wurde in Essen eine enorme Euphorie erzeugt. In wenigen Tagen wurden 3.800 Dauerkarten abgesetzt und das, obwohl es sein kann, dass keiner von uns in dieser Saison das Stadion von innen sehen wird. Dieses Ausrufezeichen hätte als Motivationsspritze herhalten können, doch dieser Gegentreffer verursacht einfach nur tiefe Enttäuschung. Fairerweise muss man sagen, dass Wiedenbrück deutlich stärker auftrat, als man es von anderen Aufsteigern gewohnt ist. Das ist allerdings keine Entschuldigung, denn RWE wird, wenn es aufsteigen will, nicht viele Punkte liegenlassen dürfen. Dass dieser Luxus nun in einem Heimspiel gegen einen Aufsteiger in Anspruch genommen wird, ist angesichts der kommenden Aufgaben beinahe fahrlässig. Hinzu kommt der rot-weisse Spielplan, der uns Fans für viele Wochen die Tabelle sehr unangenehm aussehen lässt, da RWE durch das Pokalspiel in der kommenden Woche und die anschließende spielfreie englische Woche mitunter acht Punkte hinter der direkten Konkurrenz stehen kann.

Fortuna Köln und die zweite Mannschaft vom BVB gaben sich dagegen keine Blöße und meisterten ihre Aufgaben. Das DFB-Pokalspiel kommt dementsprechend zur Unzeit. Einerseits wünscht man sich nach dem Unentschieden umso mehr die volle Konzentration auf die Liga und keine Ablenkung durch die Pokalpartien, andererseits ist der Wettbewerb eine Möglichkeit, um die finanziellen Nachteile aufgrund der Corona-Situation auszugleichen und aus der Warte wäre eine Pokalüberraschung wünschenswert.

Umgekehrt darf nach dem ersten Spieltag niemand den Kopf in den Sand stecken. Das war heute, man muss es so deutlich sagen, zu wenig. Es gibt aber auch positive Eindrücke. Engelmann ist der Torjäger, der hier so lange gewünscht wurde. Sandro Plechatys Transfer wurde lange nicht so euphorisch begleitet wie die von Backszat oder Engelmann und der junge Außenbahnspieler zeigte heute eine furiose Leistung. Wenn er das regelmäßig abrufen kann, werden wir noch viel Spaß mit ihm haben.

Am Ende muss die Parole lauten: Das kann doch einen Essener nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst, RWE!