03.10.2020

Rückkehr auf allen Ebenen geglückt

von Hendrik Stürznickel

Es können wohl nur eingefleischte Fußballfans nachvollziehen, was dieser Moment bedeutete, als wir Zuschauer erstmals – größtenteils zumindest – wieder ins Stadion Essen ziehen konnten. Es war zwar nicht normal, denn jeder Fan passierte mehrere Checkpoints, es mussten Masken getragen werden und das Catering war sehr eingeschränkt. Und trotzdem war es ein Glücksgefühl, als es wieder durch den Durchgang ging und das Stadion von innen sichtbar wurde. 90 Minuten nur der RWE! Gänsehaut erzeugte dann auch vor dem Spiel, als das erste Mal „Von der Ruhr bis an die Elbe“ richtig brachial über den Platz schwappte. Das hat gefehlt.

Aber der RWE-Fan wird skeptisch, wenn die Vorfreude so groß ist. Das war dieses Mal zum Glück völlig unnötig. Christian Neidhart vertraute ganz nach dem Grundsatz „Never change a winning team“ der Mannschaft, die gegen Lippstadt den überzeugenden 3:0 Erfolg eingefahren haben. Nach Adiole und Anpfiff ging es los mit dem ersten Spiel, dass über 300 Zuschauer verfolgen durften. RWE ging bedacht zur Sache. Eine erste Chance von Marco Kehl-Gomez nach einem Einwurf ging knapp über das Tor (3.) und RWE bemühte sich zunächst hinten sicher zu stehen.

Die Düsseldorfer, die im vergangenen Spiel satte sechs Tore gegen die Sportfreunde Lotte erzielt haben, konnten sich nahezu keine Möglichkeiten gegen die Essener Abwehr herausspielen. Insgesamt hat man von außen das Gefühl, dass die Abwehr sich in dieser Spielzeit noch mal deutlich stabilisiert zeigt. Die Ausnahme war hier das Heimspiel gegen Ahlen, ansonsten wirkt es so, als sei es extrem schwierig gegen RWE Torchancen herauszuspielen. Düsseldorf konnte den auffälligen Timo Bornemann in der ersten Halbzeit freispielen, dieser scheiterte am extrem lässig reagierenden Daniel Davari (12.).

Es dauerte sehr lang bis die klar feldüberlegenen Essener die erste richtig dicke Chance herausspielten. In der 35. Minute zirkelte Kevin Grund eine Ecke direkt auf den Kopf von Dennis Grote, dieser guckte platzierte den Ball nahezu perfekt auf das Tor und dann hörte die Zuschauer die Latte, die Grote an seinem ersten Saisontreffer hinderte. Dieser Treffer wäre gerade wegen der starken Leistung des Routiniers mehr als verdient gewesen. Grote war Gehirn und Herz des Essener Spiels. Fast jeder Spielaufbau ging über ihn, er leitete starke Angriffe ein und holte sich die Bälle teilweise am eigenen Strafraum. Wenn man diesen starken Auftritt gesehen hat, fragte man sich, wie Grote fast über die gesamte letzte Saison ausgebootet werden konnte.

Von Grote ging auch die nächste Chance aus. Er setzte Sandro Plechaty mit einem perfekten Anspiel in Szene. Plechaty zog an Freund und Feind vorbei in den Strafraum und stand nur fünf Meter frei vor Torwart Dennis Gorka. Dann dachte er eine Milisekunde zu lang nach. Man spürte förmlich, dass er überlegte, ob er mit dem schwachen linke Fuß schießen oder noch ein Abspiel versuchen sollte und zog dann nicht genau genug ab. Gorka riss unheimlich stark den Arm hoch und verhinderte die Führung der Essener. Kurz danch ging es in die Halbzeit.

Insgesamt war es ein starker Auftritt der Rot-Weissen. Es sieht allerdings weniger spektakulär aus, als in den guten Spielen der vergangenen Saison, da in dieser Saison eine deutlich defensivere Ausrichtung vorherrscht. Nichtsdestotrotz lief sich die rot-weisse Offensive gegen Ende der ersten Hälfte warm. In der zweiten Hälfte kam noch ein wenig mehr Druck, sodass das Spiel deutlich mehr Feuer bekam.

Gleichzeitig wurde es für Schiedsrichter Marc Jäger immer schwieriger, eine klare Linie aufrecht zu erhalten. Er präsentierte sich schon als „Law-and-Order“-Spielleiter, als er Christian Neidhart nach 20 Minuten verwarnte, da dieser einen Freistoßpfiff gegen seine Mannschaft lautstark anzweifelte. Die zweite Hälfte geriet dann zum Kartenfestival, obwohl es kaum brutale Szenen gab. Beim ersten Mal wurde es in der 58. Minute unübersichtlich. Jäger pfiff bei einem Angriff von RWE das Spiel ab, weil Torwart Gorka verletzt am Boden lag. Das ist selbstverständlich grundsätzlich auch richtig, allerdings hat er den am Boden liegenden Gorka völlig missachtet, als der Düsseldorfer Konter lief. Dennis Grote ärgerte sich ebenfalls und trat in die Bande. Nachdem Schiri Jäger sich um Gorka gekümmert hat, holte sich sein Assistent den Schiedsrichter heran und sorgte dafür, dass Grote gelb sah. Sicherlich kann man die Karte geben, die Frage ist, ob man so eine Situation nicht mit einer Ermahnung abtun kann.

Danach entglitt der Spielfluss völlig. Düsseldorf präsentierte sich extrem unsportlich. Immer wieder gingen die Spieler bei kleinsten Berührungen zu Boden, als wären sie gerade angeschossen worden. Das Problem dabei war, dass der Schiedsrichter dieses Verhalten fütterte, da er nun sehr kleinlich alles abpfiff, was nach einem Zweikampf aussah. Tim Oberdorf schmiss sich immer wieder an der Seitenlinie auf die Erde. Nach der gelben Karte gegen Joshua Endres ließ er sich minutenlang behandeln, um dann nach Wunderheilung den fälligen Freistoß auszuführen. Auch Marco Hagemann scheint eine tiefe Abneigung gegen die Hafenstraße zu verspüren. Fast schon lächerlich belagerte er den Schiedsrichter und man fragte sich, ob das stetige Gemecker wirklich weniger unsportlich war, als Grotes Tritt gegen die Bande.

Aber am Ende ist dies alles egal, denn RWE ließ sich nicht beirren und zog das Tempo erbarmungslos an. Lediglich ein Freistoß von Cedric Euschen, der wie ein Strahl auf Davaris Kasten kam (68.), sorgte für Düsseldorfer Torgefahr. Danach jubelten die 5.000 Zuschauer. Kevin Grund trat erneut zur Ecke an und platzierte sie etwas zu nah vor dem Tor. Gorka faustete den Ball hoch, aber nicht weit heraus, sodass dieser sich auf Höhe des Elfmeterpunkts senkte. Dennis Grote stieg aber dann in den zweiten Stock hinauf und überragte den gegnerischen Verteidiger beinahe um ein Drittel Körperlänge und köpfte den Ball als Bogenlampe aufs Tor. Der Torwart stand zu weit draußen, um noch daranzukommen und die Latte durchkreuzte dieses Mal nicht den Jubel. Die Hafenstraße explodierte und Dennis Grote belohnte sich für eine astreine Leistung.

Den starken Applaus der Anhänger bekam er dann, denn er wurde ausgewechselt, da er durch seine gelbe Karte gefährdet war, einen Platzverweis zu sehen. Vor den schwierigen Spielen der nächsten Wochen braucht RWE aber seinen Lenker. Und so kam Cedric Harenbrock zu seinem ersten Pflichtspieleinsatz in dieser Regionalligasaison. Da er erstmals im Kader stand, gingen manche Anhänger davon aus, dass er bei Neidhart nicht wohl gelitten sei. Doch der Mittelfeldspieler, der so viel Verletzungspech hatte, sollte an diesem Freitagabend die Wiedergutmachung für all die Arbeit erhalten, die er einsetzen musste, um sich nach zwei Kreuzbandrissen wieder an die Mannschaft zu kämpfen.

Schon vor der 80. Minute verlängerte Engelmann einen hohen Ball per Kopf in Richtung Strafraum, doch da stand Torwart Gorka bereit. Beim Abschlag von Davari stieg Engelmann erneut im Mittelfeld höher als die Verteidiger und brachte den Ball noch gefühlvoller nach vorne. Der Torwart musste drin bleiben und Harenbrock konnte allein auf das Tor zulaufen. Die 1:1 Situationen sind gerade in der Regionalliga für viele Stürmer ein Problem. Nicht so für Harenbrock der Maß nahm und den Ball am Torwart vorbei in die Maschen gedroschen hat. 2:0 und ein Tor, das die Pechserie von Harenbrock im Jubelmeer der Fans und der RWE-Spielertraube enden ließ.

Schiri Marc Jäger verwarnte anschließend Jonas Hildebrandt für Ballwegschlagen und Oguzhan Kefkir, weil dieser nach zweimaliger Aufforderung sich an der Seitenlinie der Spielerbänke herausgehen wollte. Aber es brannte nichts mehr an. RWE belohnte sich nach einem starken Auftritt mit einem souveränen 2:0 Erfolg. Dann feierten die Fans mit ihrem Team.

Insgesamt muss man den RWE-Anhängern attestieren, dass sie sehr sorgsam mit den neu gewonnenen Freiheiten umgegangen sind. Es hielten sich alle an die Abstandsgebote, blieben auch beim Torjubel auf ihren Plätzen und im Gegensatz zum öffentlichen Nahverkehr oder Supermärkten, hatten alle Zuschauer auch die Maske vernünftig auf. Der Ablauf sollte als Erfolg gewertet werden.

Die kommenden Wochen haben es in sich, denn RWE wird gegen alle Aufstiegsfavoriten spielen. Am kommenden Dienstag werden sie das Nachholspiel in Bonn bestreiten. Hier ist es unabdingbar wieder zu punkten, um die Ausgangslage weiter zu verbessern. Dann wartet nämlich das Auswärtsspiel bei Fortuna Köln. Die Südstädter zeigten sich bisher bärenstark und RWE sollte den Punkteabstand dort zumindest gleich halten.

Das Spiel am Freitagabend macht jedenfalls Lust auf mehr. Die Mannschaft präsentiert sich extrem gefestigt und dann sollte was drin sein in den nächsten Wochen. Also hoffen wir auf weitere Höhepunkte, am liebsten wieder live im Stadion Essen.