08.05.2019

Fan-Erinnerungen

von Sebastian Hattermann

Es gibt als Fußballanhänger Dinge, die vergisst man nie. Für einen RWE-Fan ist das mit Sicherheit das DFB-Pokalfinale in Berlin. Einige Rot-Weisse haben uns ihre Geschichten dazu erzählt.

„Wir waren schon Donnerstag in Berlin und haben in einer kleinen Pension in Kladow gewohnt, in der Nähe vom Havelsee/Wannsee. Abends sind wir dann noch zum Stadiongelände, wo ein großes Festival stattfand. Zur Verabschiedung alliierter Truppen, glaub ich. Leider waren wir so spät dran, dass wir die Bands verpasst haben: Status Quo und The Beach Boys.
Danach ging es zum Ku'damm und Freitag stand Sightseeing auf dem Programm. Dann kam der Samstag: Aufgrund des grandiosen ÖPNV in Berlin kamen wir vom etwas abseits gelegenen Kladow problemlos, wann immer wir wollten, in jede Berliner Ecke. Wir fuhren morgens zum Ku‘damm und schon unterwegs sah man an jeder Haltestelle Rot-Weisse stehen und feiern. Der Ku‘damm war übersät mit Konfetti und tausenden Essenern. An der Gedächtniskirche, auf den Treppen, Rot-Weiss, soweit man sehen konnte. Der absolute Wahnsinn! Es war schon ein unglaubliches Gefühl und die Vorfreude auf das Spiel steigerte sich minütlich.“

Bernd Illing



„Das geilste Erlebnis mit RWE! Freitagmorgens ging es mit dem Zug nach Berlin. Klamotten schnell im Hotel in Nähe des Ku'damms abgegeben und dann direkt ins Café Alex. Beim Feiern habe ich mich noch temporär in eine nette Bremerin verliebt. Abends wurde der Ku‘damm gesperrt, weil zu viele RWE-Fans unterwegs waren.

Zwischendurch sind wir mit 10 Kollegen in einem Stripclub eingeflogen und haben
uns eine Tänzerin an den Tisch bestellt, die mehrmals hintereinander für reichlich
Kohle zu Adiole gestrippt hat.“

Peter



„Was war das damals für eine Saison mit Höhen und Tiefen, sowohl mit RWE, als auch privat.

Angefangen hatte es damit, dass bei uns erstmals Dauerkarten gekauft wurden, allerdings nur zwei statt drei. Mein Vater und mein Opa sahen es nicht ein, für einen 9-jährigen eine DK zum Preis von 456 DM zu kaufen. Also wurde ich immer brav an der Hand mitgeschleppt, mit dem Hinweis, dass ich auf dem Schoß sitzen musste.

Kurz nach Saisonstart Ende August erkrankte der Opa sehr schwer, so dass er kein RWE-Spiel mehr im Stadion erleben konnte. Also kam die DK in meine Hände und ich versprach meinem Opa, dass ich auf diese Karte ganz doll aufpassen werde.

Dann stand RWE im Pokalfinale und es war klar, mein Vater und ich werden nach Berlin fahren, egal wie. Für uns ging es als ganze Familie, bis auf den Opa, der gerne sein zweites Finale gesehen hätte, in Richtung Berlin. Meine Mutter hatte durch Zufall im NordAnzeiger eine Annonce einer Familie aus MH gesehen, die in Nauen/BRB eine FeWo zu vermieten hatten.

Am Brandenburger Tor liefen und drei Essener in die Arme, die nach Berlin gelaufen waren. Höhepunkt vor dem Spiel war der nackte Mann, der mitten über den Ku'damm und sogar in Richtung der Boutiquen spazierte und jeden fragte, wie er denn zum Strandbad käme.“

Michael Eichler



„Beinahe wäre es wegen dem Pokalfinale nicht zur Hochzeit mit meiner damaligen Verlobten gekommen. Als wir das Halbfinale gegen TeBe gewonnen hatten, war mir der Finaltermin nicht ganz klar. Unser Hochzeitstermin stand fest: 20.05.94 Standesamt, 28.05.94 Hochzeit.

Ich hatte ihr gesagt, dass wir die Hochzeit im Falle eines Falles verschieben müssten - und das war mein Ernst! Soweit kam es allerdings dann nicht. Da letztlich am 14. Mai gespielt wurde, konnte es sorgenfrei mit meinem Opel Calibra nach Berlin gehen und die Hochzeit wie geplant stattfinden.“

Frank Schulte



„Wir waren Freitagabend in Berlin, wo man bereits auf die ersten Rot-Weissen und vereinzelt Grün-Weißen traf. Die Kneipen um den Ku‘damm füllten sich immer mehr mit Essenern und Bremern, wobei Rot-Weiss die vorherrschenden Farben waren. Die Polizei sperrte aufgrund des Andrangs dann mal eben komplett den Ku'damm und beobachtete entspannt von ihren Einsatzwagen das Geschehen. Danach ging es ab ins Q-Ddorf. Was ich noch weiß ist, dass dort Adiole gespielt wurde und zu später Stunde auf einmal ein Typ im Schalke-Trikot auf der Tanzfläche stand. Hatten alle ihren Spaß mit dem. Irgendwie die Nacht zurück zur Schlafstelle und am nächsten Tag gegen Mittag dann Richtung Stadion. Es war eine grandiose Atmosphäre - vorher in der Stadt und später im Stadion - leider mit dem bekannten unglücklichen Ausgang.“

Oliver



„16 war ich. Mein Bruder ist extra mitten in der Nacht aufgestanden und hat versucht im VVK am Fliegenbusch Karten zu bekommen. Keine Chance. Irgendwie sind wir dann doch noch an Karten gekommen. Oberrang, für 19,80 DM das Stück, oder so, plus 20 Pfennig für irgendeine Stiftung.

Mit meinem Bruder und einem seiner Kumpel dann losgefahren, Adiole auf volle Pulle und ab ging es. Kurz hinter Braunschweig ist uns die Karre verreckt, Kupplung im Arsch. Egal. Mietwagen genommen und die Karre irgendwo im Nirgendwo stehen gelassen. Die ganze A2 war Rot-Weiss. In Berlin am Ku‘damm ein paar Runden gedreht, Schiebedach auf, im Auto gestanden und die Fahne wehen lassen. Gott, war das geil.“

Fabio Franceschin



„Ich weiß nur noch, dass es tierisch voll und heiß in der U-Bahn war und dass das amerikanische Orchester auf der Laufbahn irgendwann auch ganz angestachelt von der Stimmung war. Bis denen eine Rakete zwischen die Beine flog. War natürlich nicht ganz so charmant.“

André Heikhaus



„Ich war grade 17 und bin mit drei Kollegen hingefahren. Erstmalig in Berlin. Übernachtet in Kreuzberg. Für 5 DM meinen ersten Döner gegessen, der war groß wie ein Wagenrad.
Am Endspieltag früh morgens mit der U-Bahn zum Ku‘damm. Rolltreppe hoch und ich sag noch zu einem Kumpel: "Mal sehen, ob wir noch andere aus Essen treffen." Und plötzlich sind wir mitten im dicksten RWE-Mob. Im Stadion später hat der DFB alles an Schikane ausgepackt, was ging.
Ich habe noch eine Laola-Welle auf den Weg gebracht. Fand ich natürlich mega. Und dann die RWE-Gesänge bei der Pokalübergabe, ich hab schon wieder Gänsepelle...“

Sascha Hinsken



„Am Abend zuvor hatten wir uns mit vier Personen um 20.00 Uhr im Pupasch am Essener Hbf getroffen, wo erstmal Streichhölzer gezogen wurden, um herauszufinden, wer fahren muss. Glücklicherweise nicht ich.
Wir fuhren dann in einem alten Opel Kadett C ohne TÜV los, was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste. Bei diesem konnte man durch die Manschette des Schalthebels bis auf die Straße gucken. Wir kamen in den frühen Morgenstunden in Berlin Ost an und wurden von leicht bekleideten Mädchen (nicht nackt) zum Frühstück mit Spaghetti empfangen. Unsere Unterkunft war ein Schwestern-Wohnheim, das früher - zu DDR-Zeiten - als Psychiatrie diente.
Auf der Rückfahrt hatten wir dann tatsächlich noch einen Unfall im Stau, weil der Fahrer unbedingt seine Telefonnummer einem Mädchen im Auto nebenan geben wollte.“

Daniel Ahlert



„Hermann Erlhoff, mein damaliger Trainer, hatte uns die Karten für das Spiel besorgt. Wir sind morgens um 5 Uhr in Marl-Sinsen in die RE eingestiegen, in Essen dann in den ICE Richtung Berlin. Von der Palette Dosenbier, die wir mitgenommen hatten, wollten die Hälfte auf der Hinfahrt trinken und den Rest in einem Schließfach am Bahnhof Zoo für die Rückfahrt bunkern. Hat nicht geklappt! Der Hammer im ICE: Wir sitzen in unserem Abteil und plötzlich läuft der Boss, Helmut Rahn, an uns vorbei! Ich war hin und weg!“

Mike Flaß



"Unvergesslich ist allen, die dabei waren, auch das Viertelfinale in Jena am 30.11.1993 geblieben – nicht nur wegen unseres 6:5-Sieges im Elfmeterschießen. Damals war die deutsche Einheit erst drei Jahre alt und eigentlich mehr Theorie als Wirklichkeit. Die Auswärtsfahrt nach Jena war also eigentlich eine Art Reise in die DDR. Unverkennbar war dies bereits durch den schweren, stechenden Braunkohle-Geruch auf dem langen, dunklen Fußweg zum Ernst-Abbe-Sportfeld. Die -15 Grad hatten alle Ofenbesitzer der Umgebung zum Heizen veranlasst. Der Stadionsprecher, offenbar noch alten Zeiten behaftet, begrüßte nach den Mannschaften auch das „Schiedsrichterkollektiv“. Eher ungewohnt für uns. Antwort des großen RWE-Blocks: „Ihr seid scheiße, wie die DDR“.

Das Spiel stand nach 90 und nach 120 Minuten 0:0. Danach wurden die fälligen Elfmeter auf beiden Seiten professionell vollstreckt. Nachdem aber der letzte Jenaer gegen Frankie Kurth vergeben hatte, tanzten Mannschaft und Fans in wilder Euphorie vor und im Gästeblock. Nach Spielende wurden die circa 2000 mitgereisten Essener wegen der gereizten Stimmung von Ordnern und Polizei auf einer Betonplatte, einer Art Aufmarschplatz, im Ernst-Abbe-Sportfeld eingekesselt, bis die heimischen Zuschauer den Ort ihrer Niederlage verlassen hatten. Die Stimmung unter den Essenern war dennoch super – nur ganz allmählich machten sich die eisigen Temperaturen bemerkbar.

Kurz bevor die Stimmung kippen konnte, erschien plötzlich auf einer Empore oberhalb des Betonplatzes unser Lothar – auf den Schultern eines RWE-Fans und von einem anderen am Gürtel festgehalten, damit er sich richtig ins Zeug legen konnte. Nach dem üblichen, langen „Schhhhh“ und der folgenden absoluten Stille donnerte Lothar die vier Fragen im Leben eines RWE-Fans auf den erwartungsfrohen Anhang nieder. Tausendfach schallte die Antwort in die Nacht von Jena: Nur der RWE!"

Dr. Hans-Jürgen Römer (Zeitzeuge), Thorsten Römer