11.11.2016

"Ich bin ganz guter Dinge, dass wir am Ende der Saison unter den Top-Fünf landen können" - Interview mit Michael Welling

von Redaktion

Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Transferaktivitäten des letzten Jahres, das neue Fangnetz vor der Westtribüne, den Einstieg eines möglichen Investors und warum die RWE-Jugend aktuell keinen Trikotsponsor mehr hat.

Jawattdenn.de:
Seit der Entlassung von Waldemar Wrobel hat sich kein junger Spieler mehr zum Stammspieler entwickelt, der aus einer unteren Liga oder aus der A-Jugend eines anderen Vereins zu uns gewechselt ist, wie zum Beispiel Grund, Soukou oder Guirino. Gibt es eine Scouting-Abteilung, die junge, vielversprechende Spieler vorschlägt? Wie ist unsere Scouting-Abteilung im Allgemeinen aufgebaut?

Michael Welling:
Hier ist vor allem der Aspekt zu nennen, dass unser Anspruch höher geworden ist. Wir haben in vielen Fällen – und ich sage bewusst „in vielen Fällen“ – Spieler verpflichtet, die erstmal ein höheres Niveau mitbringen und einen höheren Status haben. Das macht es schwieriger für junge Spieler im Kader zu wachsen und zu zeigen, was sie können. Die Situation war in der Oberliga eine andere als vor drei Jahren, als wir mit Langlitz, Knappmann und Wingerter eine ganz andere Kategorie von Spielern mit höherem Anspruch verpflichtet hatten. Deswegen glaube ich, dass es für unsere jungen Spieler natürlich schwieriger, aber nicht unmöglich ist, sich durchzusetzen.

In diesem Jahr haben wir wieder einen etwas anderen Ansatz gewählt: Wir haben vier Jungs aus unserer A-Jugend im Kader, und wenn man sieht, welche Spielanteile jetzt schon Nico Lucas und Timo Becker haben, dann finde ich das super. Sie werden auch nicht erst eingewechselt, wenn wir 6:0 führen, sondern sie werden einfach reingeschmissen. Timo hat vielleicht gegen Dortmund etwas Lehrgeld gezahlt, aber er war da auch als Linksverteidiger auf einer ungewohnten Position gefordert. Er wird seinen Weg gehen, genauso wie Nico, der einer ungeheuren Konkurrenzsituation ausgesetzt ist im Mittelfeld. Beim Emre Demircan und beim Maxi Milovanovic ist die Situation noch eine andere. Aber auch Cokkosan und Ivan haben sich als junge Spieler toll entwickelt.

Jawattdenn.de:
Mal eine Frage, wie die Verpflichtung von jungen Spielern konkret in der Praxis aussieht: Wurden Spieler wie Olwa-Luta, Cekic oder Al-Khalaf vorher gescoutet, oder wurden sie von Beratern vorgeschlagen und dann zum Probetraining eingeladen?

Michael Welling:
Im Detail ist es schwierig und ich möchte an dieser Stelle auch nicht zu sehr über das letzte Jahr reden. Ich würde allerdings schon konstatieren, dass wir im letzten Jahr einen Tacken zu viele Spieler von weiter weg verpflichtet haben. Aber auch hier muss man sehen, dass sich der Eindruck immer weiter verfestigt hatte, dass diese Spieler mit dem Ruhrgebiet nichts zu tun hatten. Aber Al-Khalaf kam zum Beispiel aus der Jugend von Borussia Mönchengladbach, bevor er nach Leipzig gegangen ist. Ihn kannten also viele aus der Jugendabteilung des Vereins, zum Beispiel der Andi Winkler.

Cekic und Olwa-Luta waren zusammen mit Cokkosan mindestens eine Woche im Probetraining und man hat sich irgendwann entschieden, die nehmen wir dazu. Beim Amar hat es nicht besonders funktioniert, beim Tolga schon. Beim Malcom hat es überhaupt nicht funktioniert, er ist nach seiner Verletzung überhaupt nicht auf die Beine gekommen. Sie waren von vornherein nur für die hinteren Kaderplätze gedacht, deshalb galt: Wenn sie sich durchsetzen ist es gut, wenn nicht, dann ist es auch ok. Das wird aber dann, wenn du nicht erfolgreich bist, medial aufbereitet und dir vorgehalten. Das fand ich ehrlich gesagt in dem Ausmaß und in der Art und Weise unangemessen und unfair. Das soll aber nicht heißen, dass wir nicht an der einen oder anderen Stelle Fehler gemacht haben.

Jawattdenn.de:
Wenn man die nackten Zahlen betrachtet bezüglich der großen Anzahl der im letzten Jahr verpflichteten Spieler und der Anzahl derer, die sich davon zu Leistungsträgern entwickelt haben, dann bleiben nur Obst unter den Sommertransfers sowie Löning und Ivan übrig. Der Rest hat sich kaum durchsetzen oder hat verletzungsbedingt überhaupt nicht gespielt.

Michael Welling:
Da möchte ich aber noch Heller und Cokkosan und Rabihic ergänzen! Aber wenn man relativ nüchtern die Trefferquote in diesem Jahr mit der Quote im letzten Jahr vergleicht, dann ist sie in diesem Jahr um ein Vielfaches besser. Wir haben mit Kamil, Timo, Jan-Steffen und Dennis und im Nachgang noch Roussel eher gestandene Jungs dazu geholt und man kann alle als Stammspieler bezeichnen. Und die Jungs aus der Jugend inklusive Kwadwo kommen hier aus der Gegend und müssen sich noch entwickeln. Das ist eine richtig gute Trefferquote. Das heißt aber nicht, dass sie immer so gut sein muss. Im letzten Jahr haben wir aus meiner Sicht aufgrund der desaströsen sportlichen Situation viel zu viel über Olwa-Luta, Al-Khalaf und Amar Cekic gesprochen, die die Kaderpositionen 24-27 besetzten.

Jawattdenn.de:
Trotzdem wurden sie verpflichtet, zusammen mit denjenigen Spielern, die kein Spiel für uns gemacht haben. Das bleibt natürlich hängen.

Michael Welling:
Gut, aber wären das drei A-Jugendliche von uns gewesen mit der gleichen sportlichen Voraussetzung, dann hätte keiner etwas gesagt. Wir hätten das eine oder andere anders machen können, überhaupt kein Thema. Im Winter war es aber nochmal eine andere Situation, die man anders bewerten muss. Hier wurden manche Dinge aus dem Kontext gerissen. Wenn ich über Druschky rede, dann muss ich sehen, dass wir nach den Abgängen und Verletzungen im Winter gerade im Sturm etwas machen mussten. Dann hat sich Druschky gegen Wuppertal verletzt und wir haben Yesilova geholt, der sich auch sofort verletzte. Und mit Blick auf die sportliche Situation mussten wir weiter handeln. Mit Löning, Ivan und Osvold haben wir also nochmal Spieler dazu genommen.

Jawattdenn.de:
Die A-Jugend hat im vergangenen Jahr eines der besten Ergebnisse seit Bestehen erzielt. Die meisten Spieler waren im Altjahrgang, dementsprechend ist RWE in der Liga die Mannschaft mit den meisten Spielern im Jungjahrgang und kämpfen, wie erwartet, gegen den Abstieg. Ist man dieses Risiko bewusst eingegangen oder sind Sie überrascht, dass der Saisonstart so holprig verlief?

Michael Welling:
Das überrascht mich nicht, denn die vergangene Saison war ein Ausreißerjahr. Wir hatten eine eingespielte Mannschaft, die im Jahr davor Spielpraxis in der Niederrheinliga sammeln konnte. Dementsprechend hatten die damaligen Jungjahrgänge, die jetzt die Altjahrgänge sind, kaum Spielpraxis. Das war uns vor der Saison bewusst. Man muss aber betonen, dass Rot-Weiss Essen in jeder Saison in der U17 und U19 erst einmal gegen den Abstieg spielen muss. Wir sind nun froh, dass ein Anpassungsprozess nach einem schwierigen Saisonstart sehr gut funktioniert hat.

Dass die Spieler allmählich hier Fuß fassen ist auch Resultat des Jugendleistungszentrums. Die Abgänge nach der U17 waren bislang enorm, aber in diesem Jahr konnten diese Abgänge durch unsere neuen Möglichkeiten durch das NLZ reduzieren, auch wenn wir immer noch viele Abgänge zu verzeichnen haben.

Jawattdenn.de:
Das widerspricht aber dem Konzept von Uwe Harttgen, der durch die Abschaffung der U23 das Budget der Jugendabteilung erhöhen wollte, damit RWE in der Jugend keine Fahrstuhlmannschaft mehr ist.

Michael Welling:
Jein, neben der angesprochenen Reduzierung der Abgänge können wir uns durch die Umstrukturierung Schritt für Schritt verbessern, z.B. indem wir ein Budget dafür haben, einen guten U17-Spieler mit einem Fördervertrag auszustatten, was vorher nicht ging. Vor ein paar Jahren hatten nicht einmal unsere A-Jugendlichen Verträge. Auch diese Spieler können theoretisch noch wechseln, jetzt müssen andere Vereine aber tief in die Tasche greifen, um diese Spieler zu bekommen. Ich glaube aber, dass die Anzahl der Spieler, die wir halten können, steigen wird. In dem Punkt hat Uwe durchaus Recht behalten.

Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass die U19 nicht mehr gegen den Abstieg spielt. Unser Ziel ist es aber, dass unser Nachwuchs frühzeitig nichts mehr mit dem Abstieg zu tun hat. Ausreißer, wie die aktuelle U15, gibt es immer wieder und wir freuen uns darüber. Die Mannschaften werden dennoch auch in Zukunft erst einmal gegen den Abstieg spielen.

Jawattdenn.de:
Das Förderspielkonzept wurde vor einigen Monaten als gescheitert erklärt…

Michael Welling:
Nein! Es läuft zurzeit nicht, was unserem engen Terminplan, aber auch der Verletzungssituation geschuldet ist. Da wir bis vor kurzem viele Verletzte hatten, haben wir weder einen Slot gefunden noch genügend Spieler, um ein solches Förderspiel durchzuführen. Das ist weiter auf der Agenda. Durch die Personalunion von Erle Wolters in der A-Jugend und der ersten Mannschaft ist der Austausch noch leichter geworden. Es wird definitiv weitere Förderspiele geben.

Jawattdenn.de:
Werden diese Förderspiele von den Spielern als gleichwertiger Ersatz zu Spielpraxis in Pflichtspielen angesehen? Wie anders ist es zu erklären, dass Abgänge damit begründet werden, dass RWE den Spielern nicht genug Spielpraxis geben konnte?

Michael Welling:
Es wird weiterhin so sein, dass es Spieler geben wird, die gehen, weil sie sich bei Rot-Weiss Essen in der Regionalliga nicht durchsetzen konnten. Es geht bei Förderspielen nicht nur darum, den Leuten Spielpraxis zu gewähren. Es geht auch darum, die A- und B-Jugendlichen an ein höheres Niveau heranzuführen. Junge Spieler der ersten Mannschaft sollen in diesen Spielen Verantwortung übernehmen, indem sie die Nachwuchsspieler anführen. Es geht also um weit mehr als Spielpraxis. Es geht um die Förderung junger Spieler.

Jawattdenn.de:
Gibt es noch Ambitionen in Richtung einer Kooperation?

Michael Welling:
Ja! Wir sind in sehr engen und intensiven Gesprächen. Es gilt aber immer noch, dass nur Dinge verkündet werden, die auch unterschrieben sind. Wir sind jedoch guter Dinge, in den nächsten Monaten in dieser Hinsicht etwas präsentieren zu können.

Jawattdenn.de:
Uns ist aufgefallen, dass die A-Jugend ohne Brustsponsor aufläuft. Womit hängt das zusammen?

Michael Welling:
Leider hat sich die RWE AG bzw. die neue Tochterunternehmung innogy entschlossen, ihr Engagement bei Rot-Weiss Essen nicht fortzusetzen. Wir bedauern diese Entscheidung sehr, schließlich verbindet die RWE AG und Rot-Weiss Essen eine über Jahrzehnte gewachsene, partnerschaftliche Verbindung und wir hatten gehofft, dass diese Partnerschaft aus dieser Verbundenheit zum Verein und zum traditionellen Standort des Unternehmens fortgesetzt wird.

Es hat uns schon überrascht, dass man sich aufseiten der RWE AG zur Nicht-Fortsetzung der Partnerschaft entschieden hat. Wir können und müssen das natürlich akzeptieren, zumal es sponsoringstrategische Gründe waren, die zu dieser Entscheidung geführt haben, nicht etwa Unzufriedenheit mit dem Verein. Das ist somit eine ganz normale Entwicklung, die unternehmensseitig entschieden wurde. Das trifft uns als Verein natürlich, auch wenn wir glücklicherweise mittlerweile wirtschaftlich so aufgestellt sind, dass uns dieses Thema nicht sofort schlaflose Nächte bereiten muss. Wir arbeiten nun mit Hochdruck daran, einen neuen Hauptsponsor für unseren Nachwuchs zu finden, schließlich haben wir mit unserem Nachwuchsleistungszentrum in Zukunft noch viel vor. Das geht allerdings nur gemeinsam mit einem starken Partner an unserer Seite.

Jawattdenn.de:
Wir haben im vergangenen Jahr intensiv über das Thema Leitbild gesprochen. Ist das überhaupt noch aktuell?

Michael Welling:
Ja und Nein. Ja, wir diskutieren dieses Thema noch im Verein. Wir haben eine Befragung von Fans durchgeführt. Wir haben Fokusinterviews mit verschiedenen Gruppen gemacht, deren Ergebnisse wir bereits vorgestellt haben. Wir haben einen internen Kodex, an den wir uns bereits bei vielen Themen halten. Wir haben beispielsweise eine Wertepyramide, die wir bei manchen Entscheidungen zurate ziehen. Aufgrund unserer Kapazitäten haben wir diese Ideen noch nicht in ein ausformuliertes Modell ausarbeiten können. Dieser Prozess wird weitergehen, allerdings ohne klares Zieldatum. Dazu ist dieses Projekt zu wichtig, als dass man es nebenbei anfertigen sollte.

Jawattdenn.de:
Thema Sicherheit: Die Terminierung nimmt derzeit abstruse Züge an. Ein Heimspiel gerade gegen Borussia Dortmund wird verschoben. Das Auswärtsspiel in Düsseldorf wird an einem Freitagabend um 18:30 Uhr ausgetragen, weil Düsseldorf ein Spiel in Aue hat. Ein Heimspiel wäre da noch eher verständlich. Werden solche Termine vom Verband vorgegeben oder hat man als Verein ein Mitspracherecht?

Michael Welling:
Unser Einfluss ist da beinahe bei Null. Ich kommuniziere und diskutiere mit dem Verband über Dinge, die ich doof finde. Aber selbst der Verband bekommt diese Termine von der ZIS [Zentrale Informationsstelle Sport] vorgegeben. Zu 95% gestaltet die ZIS den Spielplan. Mit denen kann man auch nicht diskutieren. Ich bin dabei, dass die Terminierung des Spiels gegen Dortmund, mit denen eine Fanfreundschaft besteht, über das Ziel hinausschießt. Leider gibt es Vorkommnisse, die Wasser auf die Mühlen derjenigen sind, die einen restriktiveren Rahmen fordern. Das erschwert die Argumentation gegen solche Ansetzungen.

Nach dem illegalen Einsatz von Pyrotechnik im Ahlen-Spiel der letzten Saison können wir dem Verband nicht sagen, dass bei uns immer alles friedlich ist. Auch auf den Reisewegen kommt es zu Zwischenfällen. Vor kurzem haben Rostocker einen Zug in Duisburg angehalten. Beim Auswärtsspiel in Aachen in der vergangenen Saison haben Schwachmaten, die in der Selbstwahrnehmung Rot-Weiss Essen-Fans sind, Waggons der Bahn auseinander genommen. Das ist purer Vandalismus. Zuletzt wurden gegen Rödinghausen Fahnenstangen aufs Feld geworfen und einige Schwachköpfe versuchten auf das Feld zu gelangen. Da höre ich als Rechtfertigung, dass der Schiedsrichter scheiße gepfiffen hat. Selbst wenn er scheiße gepfiffen hat, rechtfertigt das bei aller Emotionalität doch nicht ein solches Verhalten.

Zusammengefasst will ich damit sagen, dass ich auch manche Maßnahmen schwachsinnig finde. Nach diesen Ereignissen können wir wenig Argumente entgegensetzen, wenn es um Anstoßzeiten, weniger Polizei oder weniger Ordner im Stadion geht. Das Urteil, bei dem uns in Folge des Rödinghausenspiels ein Ausschluss auf Bewährung drohte, ist glücklicherweise zurückgenommen worden. Es wäre ohnehin an der Zielgruppe vorbeigegangen, denn das ist klassische Sippenhaft. Der Verein und 8.000 Zuschauer werden für das Fehlverhalten von vielleicht zwanzig Leuten bestraft. Diese verbandrechtliche Logik, die erschließt sich mir nicht. Das Urteil ist zurückgenommen, aber wir werden in Kürze ein Fangnetz über die gesamte Westtribüne und den Gästebereich haben, das ist unsere Auflage. Das will niemand hier. Es kostet nicht nur Geld im mittleren fünfstelligen Bereich, es zerstört auch das Stadionerlebnis. Mir wäre es lieber, wenn wir die Zäune abreißen würden und jetzt bekommen wir da so ein Fangnetz hin, und das alles wegen dieser paar Vollpfosten.

Es wird sich in diesen Fällen mitunter zu Recht über die Urteile aufgeregt, aber es wird nie über diese Schwachkopfaktionen gesprochen. Es wird auch nie über die Auswirkungen auf den Verein gesprochen. Ich meine nicht nur die finanzielle Seite. Rot-Weiss Essen erleidet dadurch immer einen Imageschaden. Es wird auch von der Presse völlig überzogen berichtet. Wenn ich das Wort Ausschreitungen höre, das zuletzt geschrieben wird, verbinde ich etwas anderes damit, als es im Stadion zu sehen war. Dann sehe ich marodierende Horden vor meinem geistigen Auge und das trifft es nicht, was hier passiert ist. Nichtsdestotrotz gehen manche Verhaltensweisen hier nicht.

Jawattdenn.de:
Also das Geisterspiel ist vom Tisch und wir haben lediglich die Auflage, ein Fangnetz zu installieren?

Michael Welling:
Darüber hinaus haben wir noch eine Geldstrafe erhalten.

Jawattdenn.de:
Angesichts der wiederholten Würfe von Gegenständen wundert es, dass diese Maßnahme mit dem Fangnetz nicht schon früher erfolgt ist.

Michael Welling:
Wir haben beim Bau des Stadions hier mit den Ultras Essen gesessen und gemeinsam überlegt, was wir machen können, damit nicht einmal ein Zaun aufgebaut wird. Wenn die Leute die Grenze akzeptieren brauchen wir hier keinen Zaun. Jetzt haben wir wegen des Fehlverhaltens einiger weniger zusätzlich zum Zaun ein Fangnetz.

Jawattdenn.de:
Könnte man angesichts der Vorfälle nicht darauf einwirken, dass die Gästespieler sich grundsätzlich auf der Seite der Gottschalk-Tribüne aufwärmen?

Michael Welling:
Worüber reden wir hier? Es gehört dazu, dass die Reservespieler ausgebuht werden oder mal einen Spruch abbekommen. Das ist auch nicht immer kinderfreundlich. Wir können doch nicht denjenigen, die so etwas machen, entgegenkommen. Es muss eine Grundüberzeugung da sein, dass Gewalt gegen Gegenstände und das Werfen von Gegenständen auf Menschen tabu sind. Man kann emotional und von mir aus beleidigend werden, aber für diese Art der Gewalt fehlt mir das zivilisatorische Verständnis.

Jawattdenn.de:
Der Vertrag mit dem neuen Hauptsponsor gilt laut Pressemeldung für ein halbes Jahr. Gibt es Signale, dass der Sponsor über das Halbjahr hinaus auf der Brust bleibt?

Michael Welling:
Wir haben den Vertrag deswegen nur ein halbes Jahr geschlossen, weil alles so schnell ging. Einige Firmen haben sich sofort bereit erklärt und jetzt geht es darum weitere Mitglieder für dieses Netzwerk zu finden, die bereit sind, einen Beitrag dazu zu leisten, dass das Logo auf der Brust bleibt. Wir werden sehen, ob das zustande kommt oder ob ein anderer Sponsor in der Rückrunde auf der Brust ist.

Jawattdenn.de:
Ist die Ausgliederung der Profimannschaft immer noch ein Thema?

Michael Welling:
Das wird nicht kurzfristig passieren, es ist aber ein Thema, mit dem wir uns aktuell beschäftigen. Auch hier passiert das aus zeitlichen Gründen mal mehr, mal weniger intensiv. Wir sind finanziell nicht so aufgestellt, dass das eine Beratungsfirma für uns übernehmen könnte.

Jawattdenn.de:
Ist also aktuell kein Investor da, der so eine Maßnahme interessant machen würde?

Michael Welling:
Doch, so ein Investor ist durchaus da. Wenn wir ausgliedern würden, haben wir einen Investor, der sofort unterschreibt.

Jawattdenn.de:
Warum wird das dann nicht angestoßen?

Michael Welling:
Es spielen trotzdem viele Aspekte eine Rolle. Nur weil wir einen Investor haben, können wir nicht einfach ausgründen. Wir müssen uns erst einmal die Frage stellen, ob wir überhaupt ausgründen wollen. Neben dem Investor sprechen aus meiner Sicht viele Punkte dafür. Es kann sogar sein, dass es bald notwendig wird, denken wir nur an den Löschungsantrag von Bayern München, der im Raum steht. Auch wenn dem erst einmal nicht stattgegeben wurde, wird in dieser Hinsicht zukünftig viel in Bewegung gesetzt. Ich glaube sogar, dass die 50+1 Regel bald fällt.

Es ist also erstens eine juristische Frage, wenn es zu einer Rechtsformverfehlung kommt. Es ist zweitens eine strategische Frage, ob wir einen Partner zulassen, der mit uns den Weg geht, den wir gehen wollen. Es ist schließlich drittens eine wettbewerbsorientierte Frage. Viele Vereine haben bereits ausgegliedert und werden von Investoren unterstützt. Die 50+1-Regel ist bereits von Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim und Hannover ausgehöhlt worden. Rasenball erfüllt die Regel auf dem Papier, unterläuft die Regel aber praktisch. Wenn die Regel fällt, wird dieser Trend noch intensiviert.

All diese Gründe sprechen für eine Ausgründung, man muss den Rahmen aber deutlich abstecken. Was für eine Gesellschaftsform streben wir an? Da sind wir schon weit gekommen. Maik Rodenberg hat seine Bachelorarbeit zu diesem Thema angefertigt, und hat dies auch sehr gründlich gemacht. Wir müssen darüber hinaus definieren, was wir als Verein damit erreichen und wie weit wir gehen wollen. Es geht dabei um die Vereinsidentität.

Es hört sich immer toll an, wenn da ein Investor ist, der mit Geld winkt. Aber es will niemand die Seele des Vereins verkaufen. Das müssen wir vertraglich absichern. Ich bin davon überzeugt, dass man das, was Rot-Weiss Essen ausmacht, retten kann, wenn man den Spielbetrieb in eine Kapitalgesellschaft ausgliedert.

Ich würde das gern schneller umsetzen, leider fehlt mir die Zeit. Wenn wir ausgliedern, werden wir neben dem Investor, der schon zugesagt hat, schnell weitere Partner finden, durchaus auch zu unseren Bedingungen. Ich glaube, es ist lukrativ in Rot-Weiss Essen zu investieren, auch wenn wir in der vierten Liga sind.

Jawattdenn.de:
Das Investitionsvolumen ist dann aber nicht so hoch, dass man das beschleunigen müsste?

Michael Welling:
Doch, das ist hoch. Wir dürfen uns aber nicht von einem schnellen Geld leiten lassen. Es geht um eine grundlegende Entscheidung des Vereins für die Zukunft und da ist es egal, ob jemand mit 500.000, zwei Millionen oder 25 Millionen Euro winkt. Da sollten wir mit Tiefgang drangehen und nicht eine schnelle Entscheidung übers Knie brechen.

Jawattdenn.de:
Der Aachener Geschäftsführer hat im Sommer bei einem Treffen mit Investoren gesagt, dass der Etat für die erste Mannschaft der Alemannia auf 1,3 Millionen Euro zurückgefahren werden müsse. Das sei deutlich (!) weniger als Viktoria Köln oder RWE. Hat er mit dem Beispiel RWE Recht?

Michael Welling:
Ich weiß nicht, welche Basis er heranzieht, also was er mit dem Etat für die erste Mannschaft meint. Gehören nur Gehälter und Prämien der ersten Mannschaft dazu oder auch noch der Trainerstab, Physiotherapeut, Mannschaftsarzt, also die ganze medizinische Betreuung? Bei manchen Vereinen gehören sogar Trainingslager, Trikotausstattung und die Reisekosten zu den Auswärtsspielen dazu. Wenn wirklich das alles dazugehört, hat er Recht, aber es ist fraglich, ob wirklich alles dazu zählt. Allerdings stimmt es, dass Aachen finanzielle Probleme hat. Sie sind nach uns in die Insolvenz gegangen, nach uns wieder raus und stehen jetzt wieder kurz vor der nächsten Insolvenz.

Jawattdenn.de:
Derselbe Mitarbeiter sagte, dass es normal sei, dass man zehn Prozent höhere Ausgaben habe, als man sicher einnehmen würde. Man scheint in Aachen ziemlich locker mit Zahlen umzugehen?

Michael Welling:
Ob das normal ist, weiß ich nicht. Man plant allerdings immer Einnahmen ein, die nicht sicher sind, wohingegen die Ausgaben immer sicher sind. Vielleicht meint er, dass bei einer Kalkulation immer einen Rest Unsicherheit gibt.

Jawattdenn.de:
Auch unterschriebene Verträge können wegen Firmenpleiten platzen.

Michael Welling:
Den Fall haben wir gerade bei uns. Zwei Sponsoren mussten einen Insolvenzantrag stellen, was uns richtig wehtut. Das ist Geld, was uns fehlt. Wenn die Aussage aber meint, dass es jedes Jahr einen Automatismus gibt, Schulden zu machen, dann ist sie nicht richtig. Die Aachener sprechen momentan mit einem Spielerberater, ob er da einsteigt.

Jawattdenn.de:
Wir haben nur von jemandem mit mehreren Briefkastenfirmen gehört.

Michael Welling:
Der TuSEM hat doch auch einmal auf einen nigerianischen Erbschaftsanwalt gesetzt, wenn ich das richtig im Kopf habe. Aachen spricht aber tatsächlich mit einer Spielerberatungsagentur. Da ist sogar jemand dabei, der was mit Rot-Weiss Essen zu tun hatte. Die Firma Infront macht die Vermarktung in Aachen.

Jawattdenn.de:
Das macht Infront dann nicht gut.

Michael Welling:
Aachen hat nicht so viel Sponsoringgeld zur Verfügung wie Rot-Weiss Essen, trotzdem macht Infront einen guten Job. Da bin ich stolz auf die Truppe auf unserer Geschäftsstelle, die macht es sogar noch besser.

Jawattdenn.de:
Es entspannt auf jeden Fall, als man sah, dass die Rücklagen bei Rot-Weiss Essen bei 1,7 Millionen Euro liegen.

Michael Welling:
Das ist aber nicht immer so. In diesem Jahr wird es deutlich weniger sein. Die Özilgelder sind irgendwann aufgebraucht.

Jawattdenn.de:
Ist der bislang nicht gezahlte Teil der Ablösesumme von Kerim Avci immer noch offen?

Michael Welling:
Das FIFA Disciplinary Committee hat sich der Sache angenommen und wir sind gespannt, was sie erreichen.

Jawattdenn.de:
Hans-Joachim Watzke sprach zuletzt davon, dass er enttäuscht von Henrikh Mkhitaryan sei. Sind Ihnen bei der Personalie Cebio Soukou ähnliche Gedanken gekommen in menschlicher oder moralischer Hinsicht?

Michael Welling:
Ich glaube, dass wir Cebio in der ganzen Zeit sehr unterstützt haben, und dass wenige Vereine das auf diese Weise gemacht hätten. Das sieht Cebio genauso, das hat er so gesagt. Er hatte einen stark leistungsbezogenen Vertrag gehabt, der für ihn erst bei einer bestimmten Anzahl von Spielen lukrativ geworden wäre. Durch die Knieverletzung und die Dopingsperre ist er aber nicht auf die erforderliche Spielanzahl gekommen, weswegen es verständlich ist, dass er aus finanzieller Perspektive mit diesem Vertrag unzufrieden war. Dass er mehr verdienen will, ist auch nachvollziehbar, sodass ich es ihm nicht übel nehme, dass er die Chance bei Erzgebirge Aue genutzt hat.

Es ist zu eindimensional zu behaupten, dass der Junge durch seine Art zu spielen, seinen Abgang provoziert hat. Er hat ein Scheißhalbjahr gespielt, das haben aber alle gemacht. Das Halbjahr war insgesamt schlecht, weswegen ich es nicht so sehe, dass Cebio absichtlich schlecht gespielt hat. So etwas zu behaupten, ist unfair dem Spieler gegenüber. Es ist unpopulär, aber ich freue mich für den Jungen. Ich habe ihm prophezeit, dass er mal zweite Liga spielt und das macht er jetzt mit durchaus guten Leistungen, wie man so liest. Das zeigt viel mehr, dass man sich bei und mit Rot-Weiss Essen entwickeln kann. Der Wechsel war absolut in Ordnung. Natürlich hätte ich gerne einen Spieler dieser Qualität im Kader, aber Cebio ist ein toller Kerl und das Bild, das manche von ihm haben, ist falsch.

Jawattdenn.de:
Vielen Dank für das Interview.


Das Interview führten Michael Jaskolla, Hendrik Stürznickel und Oliver Perrey