„Ich liebe hohe Spannung und stehe meistens unter Strom“ - Interview mit Michael Welling
Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Diskussion um die Stadionpacht, den aktuellen Stand zum Thema Michael Kölmel und eine mögliche Amtsmüdigkeit des 1. Vorsitzenden.
Jawattdenn.de:
Im Jugendbereich läuft es hervorragend: Die A- und B-Jugend spielen jeweils in der Bundesliga, und im Gegensatz zum Vorjahr gibt es nun auch regelmäßig Förderspiele gegen Oberligisten. Es fehlt nur noch der ohne U23 so wichtige Kooperationspartner. Wie ist diesbezüglich der Stand der Dinge, sind sie nach wie vor auf der Suche?
Michael Welling:
Wir sind stets in Gesprächen und haben diverse Überlegungen im Kopf. Es ist aber nicht so, dass wir einen Kooperationspartner für zwingend notwendig halten. Wenn wir das machen, dann müssen viele Aspekte passen.
Jawattdenn.de:
Aus welchen Gründen kann man an der Seumannstraße eigentlich nicht die A-Jugend-Heimspiele austragen?
Michael Welling:
Es fehlt ein vernünftiger Rasenplatz. Auf Kunstrasen darf nur in Ausnahmefällen gespielt werden und der Rasenplatz erfüllt qualitativ die Anforderungen nicht. Deshalb ist die Seumannstraße nur der Ausweichplatz, dafür ist er genehmigt.
Jawattdenn.de:
Bei einem der letzten Heimspiele war der neue Bürgermeister vor Ort. Gab es schon erste Gespräche mit ihm und haben sie schon einen ersten Eindruck, ob die Zusammenarbeit zwischen Verein und Stadt konstruktiv weitergehen kann?
Michael Welling:
Wir arbeiten schon seit einigen Jahren mit der Stadt zusammen, und das aus unserer Sicht durchaus konstruktiv. Unser erster Ansprechpartner ist die GVE, der Stadionvermieter, mit der wir uns regelmäßig austauschen. Mit dem neuen Oberbürgermeister sind wir auch im Austausch, allerdings schon als er dieses Amt noch nicht innehatte, denn er ist seit Mitte der 90er Jahre Mitglied bei uns und RWE-Fan durch und durch. Ansonsten kann und sollte ein Oberbürgermeister bezüglich der rein prozessualen Anliegen von uns naturgemäß nicht viel machen, die Sport- und Bäderbetriebe für die Seumannstraße und die GVE für das Stadion Essen sind daher unsere zentralen Ansprechpartner, was die Zusammenarbeit mit der Stadt betrifft. Diese ist gut und konstruktiv und ich glaube nicht, dass sich das zum Negativen verändern wird.*
Anmerkung*: Das Gespräch war einige Wochen bevor das Thema „Stadion Essen“ nochmals auch in der Presse aufgekommen ist, Stichwort Pachtvertrag und Kündigungsdrohung, daher schriftlich nochmals eine Nachfrage:
Jawattdenn.de:
Wir müssen durch die Aktualität der Ereignisse hier nochmals nachfragen aufgrund der Presseberichterstattung der letzten Tage zum Thema „Pachtvertrag“ und „Kündigung“. Können Sie uns die Situation nochmals kurz aus Ihrer Sicht schildern und revidieren Sie Ihre obigen Aussagen dadurch?
Michael Welling:
Das liest sich im Nachgang vielleicht wirklich etwas komisch durch die Aktualität der Ereignisse, aber ich würde die Aussagen nicht grundsätzlich revidieren wollen. Auch hier nochmals ganz konkret einige Aspekte:
(1) Wir sind dankbar dafür, dass wir in dem neuen Stadion spielen dürfen, dass es der Stadt Essen trotz aller bekannten auch Finanzprobleme der Stadt gelungen ist, für die Stadt – und damit auch für uns als Verein – das Stadion zu realisieren. Dafür müssen wir dankbar und demütig sein. Dass die Stadt dem Verein auch vor der Insolvenz immer mal wieder unter die Arme gegriffen hat stimmt so wohl auch, vielleicht wäre die Insolvenz des Vereins daher schon viel früher bittere Realität geworden.
(2) Dennoch müssen wir hier die Ebenen und die zeitlichen Zusammenhänge differenzieren, was in der Öffentlichkeit und damit in Teilen der Politik nicht immer passiert: Wir hatten durch die Insolvenz im Jahr 2010 eine Zäsur, die Insolvenz war für uns ein kompletter Neuanfang, sowohl was die finanzielle Situation des Vereins als auch die handelnden Personen betrifft. Ich denke man kann heute sagen, dass wir uns seit der Insolvenz konsolidiert haben, dass wir zwar sportlich hinter unseren eigenen Erwartungen herhinken, dass wir aber wirtschaftlich solide haushalten und uns wieder etabliert haben – auch durch das Stadion.
(3) Dabei ist es wichtig zu betonen, dass der Beschluss zum Bau des Stadions im Oktober 2010 vom Rat der Stadt Essen gefasst wurde, als der Verein Rot-Weiss Essen e.V. in der Insolvenz war und sportlich in der 5. Liga! Wenn man sich den Beschluss durchliest steht dort auch eindeutig drin, dass es unterhalb der Profiligen nicht möglich sein wird, auch nur die Betriebskosten zu tragen. Es hieß sogar explizit, dass Rot-Weiss Essen unterhalb von Liga 3 keine (!!!) Pacht zu zahlen habe. Erst als im Bauprozess die Entscheidung gefällt wurde (wiederum durch einen Ratsbeschluss), für den Ausbau des Stadions weitere – ich glaube 3,9 Millionen Euro – zum „bedarfsgerechten Ausbau“, d.h. für eine Überdachung der Gästetribüne sowie für den Ausbau der Hospitality-Bereiche, insb. Logenebene, zur Verfügung zu stellen, haben wir uns bereit erklärt, schon in der Liga 4 eine entsprechende variable Pacht zu bezahlen. Die Mehrkosten des Ausbaus und die Nutzung der Logen sind also auch in Liga 4 schon eingepreist in den Pachtvertrag.
(4) Dieser Pachtvertrag ist dabei knapp 4 Jahre „verhandelt“ worden, dabei dies bewusst in Anführungsstriche gesetzt, weil wir uns über die Grundstruktur, nämlich dass RWE am Spieltag alle Rechte für die Vermarktung erhält und von den Erlösen dann eine variable Pacht zahlt, sehr schnell einig. Eine variable Pacht wurde dabei sowohl für die Planungssicherheit des Vereins vereinbart, aber auch aus dem Sinne, dass die Interessen harmonisiert sind, dass man gemeinschaftlich an einem Strang zieht. Dass der Vertrag dann so lange nicht finalisiert wurde, lag definitiv nicht an uns, vielmehr haben wir immer wieder gedrängt, dass wir hier nun ein entsprechendes Papier brauchen.
(5) Dieses Papier haben wir dann – nachdem der Pachtvertrag im Sommer 2014 wohl auch Thema im Rat der Stadt war – kurz vor Weihnachten 2014 unterschrieben. Damals musste es dann sehr schnell gehen und wir haben sogar einen entsprechenden kurzfristigen Beschluss unseres Aufsichtsrates noch herbeigeführt.
(6) Vor diesem Hintergrund ist die neueste Entwicklung daher überraschend und enttäuschend. Ohne auf alle Details einzugehen empfinden wir es als überraschend, dass nun (a) plötzlich von einer Festpacht die Rede ist, was zuvor nie Thema war, dass (b) die Höhe damit begründet wird, dass diese Höhe im Wirtschaftsplan der GVE/SBG eingestellt ist (was überrascht, weil es dafür keine Indizien von unserer Seite aus gab) und (c) dass wir nun für höhere Betriebskosten zahlen sollen, obwohl schon sehr lange allen Beteiligten klar war, dass die Betriebskosten höher sind als im alten Stadion, dass die Betriebskosten auch daher höher sind, weil es neben Spielen von RWE auch solche von der SGS gibt, weitere (DFB-)Spiele, Drittveranstaltungen und Konzerte und dass durch den Contracting-Vertrag aus dem Baukostenbudget (und damit Abschreibungen) nun Betriebskosten geworden sind. Also alles betriebswirtschaftliche Entscheidungen, die nicht in unserer Hand liegen.
Allerdings muss man eben auch sehen, dass es für die Verantwortlichen bei der GVE/SBG und damit auch der Stadt nicht leicht ist, weil viele Dinge in der Vergangenheit, sagen wir mal, suboptimal geregelt wurden. Es ist nur aus unserer Sicht nicht akzeptabel, dass das nun einseitig zu unseren Lasten geregelt werden soll. Wir sind nach den Gesprächen der letzten Tage aber sicher, dass das tatsächlich nicht der Fall sein soll oder wird. Wir haben uns – wie schon vor 2,5 Jahren – wieder angeboten, auch den Betrieb zu übernehmen oder uns daran zu beteiligen, wir werden nun kooperativ zusammenwirken, um Erlöse zu optimieren und (Prozess-)Kosten zu senken. Das wird dann kurz- aber vor allem auch mittelfristig wirken. Dies ist eben auch das, was der OB Kufen im Rat gefordert und formuliert hat. Damit können wir uns voll und ganz identifizieren und wir sind sehr sicher, dass wir im Sinne der Stadt Essen, im Sinne des Stadions und im Sinne von Rot-Weiss Essen hier zu gemeinsamen Lösungen kommen werden.
Jawattdenn.de:
Der Etat für die erste Mannschaft ist im Vergleich zur letzten Saison ungefähr gleich geblieben. Im vergangenen Jahr wurde ein ordentlicher Prozentsatz des Mannschafts-Etats für zahlreiche vertragsauflösungsbedingte Abfindungszahlungen verwendet. In diesem Jahr gab es weniger Vertragsauflösungen. Stehen diesmal folglich ein höherer Prozentsatz und damit mehr Geld für tatsächlich hier herumlaufende Spielerbeine zur Verfügung?
Michael Welling:
Unser Budget-Ansatz ist in diesem Jahr der gleiche wie im letzten Jahr. Davon ist auch alles zu bezahlen, zum Beispiel standen für diese Saison noch Marc Fascher und Stefan Kühne auf der Gehaltsliste, wobei wir uns mit Marc inzwischen finanziell geeinigt haben. Mit dem gleichen Etat vom letzten Jahr bezahlen wir also in diesem Jahr nicht nur einen Trainer. Dazu kommen noch die Gehälter für z.B. Neunaber und nicht zuletzt für Uwe Harttgen, die auch Teil des Mannschaftetats sind. Dafür bekommen wir aber keinen Gegenwert in Form einer Arbeitsleistung. Wir bezahlen Uwe Harttgen zwar aktuell nichts, aber da wir kaufmännisch wie immer vorsichtig sind, geben wir das Geld auch nicht anders aus. Auf die absoluten Zahlen bezogen bewegen wir uns im Budgetansatz auf dem gleichen Level wie im letzten Jahr. Wenn man jetzt aber schaut, welcher Anteil davon in die aktuell hier herumrennenden Beine fließt, dann ist das eher ein bisschen weniger als im letzten Jahr.
Das ist übrigens ganz spannend, denn so eine klare Frage kam noch nie (lacht)!
Jawattdenn.de:
Beim Bericht des Fanvertreters aus dem Aufsichtsrat fiel in einem Nebensatz, dass es demnächst eine Verhandlung wegen Kölmel geben wird. Der Verein kommunizierte stets, dass beide Parteien unterschiedliche Rechtsauffassungen haben, aber es im Augenblick keinen Grund gäbe, diese vor Gericht klären zu lassen. Möchte also Kölmel diese Frage plötzlich doch schneller geklärt wissen?
Michael Welling:
Wir haben unsere Auffassung, die wir von Gutachtern haben bestätigen lassen, und gehen davon aus, dass wir im Recht sind. Das sieht Herr Kölmel naturgemäß anders, und hat nun Geld von uns gefordert. Das bekommt er von uns nicht, und er hat deshalb eine Feststellungsklage und ein Mahnverfahren eingeleitet bezüglich der TV-Geld-Auszahlung für die Pokalspiele aus der Saison 2010/11. Wir werden sehen, was dabei herauskommt. Wir gehen wie gesagt davon aus, dass wir Michael Kölmel kein Geld schuldig sind.
Jawattdenn.de:
Wenn dieser Fall dann einmal gerichtlich geklärt sein sollte, müsste das doch auch nachhaltig sein, oder könnte er z.B. bezüglich der Einnahmen aus dem diesjährigen Düsseldorf-Spiel auch wieder Forderungen stellen?
Michael Welling:
Eigentlich schon, inhaltlich ja. Juristisch weiß ich nicht genau, was für Möglichkeiten er bezüglich einer höheren Instanz hätte. Wir müssen das halt abwarten. Aber wir sind erstens vorbereitet, weil das entsprechende Geld zurückgelegt ist und zweitens inhaltlich extrem entspannt, weil wir, glaube ich, die besseren Argumente haben.
Jawattdenn.de:
Ergänzung: Inzwischen gab es die Verhandlung und – wie man hört – mit schlechtem Ausgang für RWE?
Michael Welling:
Ja, die Verhandlung gab es, das Urteil ist aber noch nicht gesprochen. In der Verhandlung geht es im Kern um die TV-Gelderlöse aus den beiden Pokalspielen gegen Union und Hertha aus dem Jahr 2011, bei entsprechendem Ausgang der Verhandlung(en) aber auch darüber hinaus. Das Gericht hat noch kein Urteil gesprochen, aber durchaus anklingen lassen, dass es der Argumentation der Kölmel-Seite folgt, was für uns durchaus überraschend war. Wir arbeiten das gerade intern auf und entscheiden dann, wie wir weiter vorgehen, d.h. ob es die Möglichkeit für eine außergerichtliche Klärung mit Kölmel gibt oder/und ob wir besser in die nächste Instanz gehen und für uns und den Verein kämpfen. Kampflos werden wir hier sicherlich nicht agieren!
Jawattdenn.de:
Eine Frage aus purer Neugierde: Als Siewert nach einem sieglosen Heimspiel vom „Fußballgott“ gesprochen hatte, läuteten scheinbar nach den Erfahrungen mit Faschers „Fluch“ die Alarmglocken im Verein, so dass Siewert flugs am nächsten Morgen über ein Kurzinterview auf der Homepage eine passende „Interpretationshilfe“ für aufhorchende Anhänger liefern durfte. Wer kam warum auf diese Idee?
Michael Welling:
Ich hatte den Satz von Siewert zwar direkt anders interpretiert als einige Mitglieder aus dem RWE-Forum, aber ich bin nicht aktiv geworden. Es war meines Wissens nach unser Kollege Tilmann Radix, der noch am selben Abend Jan Siewert schmunzelnd zusteckte, dass diese Aussage der eine oder andere falsch verstehen könnte. Jan sagte darauf, dass die Aussage ja gar nicht so gemeint war und dann haben die beiden beschlossen, das auch niederzuschreiben und zu veröffentlichen. Ich hatte damit aber nichts zu tun, finde das aber gut, weil es dem Verständnis hilft.
Jawattdenn.de:
Stichwort Kommunikation: Haben sie mit der "Ich bin entspannt"-Aussage die öffentliche Aufmerksamkeit bewusst auf sich selbst lenken wollen, um Jan Siewert ein wenig aus der Schusslinie zu nehmen?
Michael Welling:
Nein, ich muss nichts auf mich lenken. Ich wollte in dieser Situation genau das sagen, weil ich genauso empfinde. Mir war es wichtig, das auch mal öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht stelle ich mich bewusst damit in den Wind, damit kann ich leben. Ich habe mit den entsprechenden Reaktionen auch gerechnet, aber das war keine bewusste Handlung, um den Groll auf mich umzulenken. Trotzdem würde ich mich auch jederzeit vor meine Kollegen stellen. Das sagte ich auch anfangs: Diese Ungeduld ist wieder da. Sie ist auch verständlich. Die Ungeduld speist sich aber nicht aus der aktuellen Situation, sondern aus der Fansozialisation aus den vergangenen 20 Jahren. Es ist daher müßig, von RWE-Anhängern Geduld einzufordern, denn sie haben in einem Kontext von 20, 30 Jahren extrem viel Geduld aufgebracht. Über so einen langen Zeitraum spielt es dann keine entscheidende Rolle, dass Jan und Andreas erst seit wenigen Monaten in der Verantwortung für die erste Mannschaft stehen. Das ist aber für sich betrachtet eine viel zu kurze Zeitspanne, um grundsätzliche Themen zu betrachten, sondern wir werden den eingeschlagenen Weg gemeinschaftlich gehen. Von daher sage ich: Wenn zurzeit jemand beschimpft werden soll, dann bin ich das, denn ich bin schon deutlich länger dabei.
Die Entscheidung Uwe Harttgen hatte ich maßgeblich getroffen, damals auch aus voller Überzeugung heraus. Das hat am Ende leider nicht funktioniert. Diesen Misserfolg kann man mir ankreiden. Bezüglich des häufigen Stillstand-Vorwurfs: Ja, mit Blick auf die Uwe-Harttgen-Zeit haben wir nun fast zwei Jahre Stillstand gehabt, das ist so. Das nehme ich auch auf meine Kappe, Andi Winkler und Jan Siewert können aber definitiv nichts dafür. Wir haben eine neue Entscheidung gefällt, jetzt muss man losgelöst von den vergangenen 20 Jahren auch mal die Chance geben, das Ganze auszuarbeiten. Es ist in Essen in der Tat so, dass das Aktionistische wie „Trainer raus!“, „Spieler raus!“, „Alle raus!“ in Essen stärker vorhanden ist als bei anderen Vereinen. Das war aber schon immer so, auch das ist eine Sozialisierungs-Sache: Man kennt es hier nicht anders! Und ich sage mal etwas übertrieben: In 50% der Fälle hat „Alle raus“ auch zum kurzfristigen Erfolg geführt. Mal zu sagen, wir wollen den Weg mit Geduld gehen und über Jahre etwas aufbauen – das kennt man hier tatsächlich nicht. Das hatten wir nur unter Waldi eine Zeit lang, wobei diese Zeit auch eine besondere war mit dem Insolvenzverfahren im Kontext mit dem überraschend schnellen Wiederaufstieg. Das wurde dann in der Regionalliga aber auch schon wieder recht schnell in Frage gestellt. Ich fordere aber keine Geduld von Rot-Weiss-Essen-Fans, auf keinen Fall! Ich fordere lediglich eine faire Bewertung der gegenwärtigen Situation.
Jawattdenn.de:
Es gibt unterschiedliche Auffassungen, wie „Hafenstraßenfußball“ tatsächlich von Vereinsseite aus definiert ist. Inwiefern betrachten sie die vereinseigene Definition von Hafenstraßenfußball bereits als umgesetzt?
Michael Welling:
Es geht im Kern darum, dass wir aktiv sein wollen, sowohl im Spiel mit Ball als auch ohne Ball. Das verfolgt Jan, das klappt mal besser und klappt mal schlechter. Wenn man sich den Fußball anschaut, den wir versuchen zu spielen, dann ist das ein ganz anderer als vor einem Jahr. Das braucht noch Zeit, bis diese Art zu spielen verinnerlicht wird, das ist klar.
Jawattdenn.de:
Aus „aktiv sein“ kann man also nicht zwingend folgern, dass man an der Hafenstraße regelmäßig zumindest phasenweise Pressing zu sehen bekommt?
Michael Welling:
Nein, kann man nicht. Aber ich muss etwas vorsichtig sein, wenn ich jetzt wieder anfange zu sehr über das Sportliche zu sprechen, sonst glauben wieder einige, ich würde mir etwas anmaßen. Aber ich bin hier natürlich im Austausch mit den sportlich Handelnden und hinterfrage die Dinge natürlich, daher kann ich in Ansätzen das sicherlich auch beurteilen, ob die Ziele realisiert worden sind oder nicht. Dabei wollen wir natürlich auch mal Pressing machen, die Frage ist nur wann, wo und wie. Gehen wir hoch drauf oder erst an der Mittellinie? Wir sagen – das ist Bestandteil unserer Philosophie -, wenn der Gegner im Ballbesitz ist, dann wollen wir trotzdem aktiv sein. Das heißt, dass wir durch entsprechendes Anlaufen den Gegner dorthin bringen, wo wir ihn haben wollen. Wir zeigen ihm, wie und wohin er zu spielen hat. Wie hoch wir angreifen hängt dann zum Beispiel von den Qualitäten des Gegners ab, aber es bleibt trotzdem Pressing. Man kann nicht davon ausgehen, dass wir wie Stuttgart einfach nur „wilde Sau“ spielen. Auch Red Bull spielt den Ball ganz bewusst weit nach vorne, auch wenn er erstmal mit hoher Wahrscheinlichkeit beim Gegner landet, nur um ihn dann sofort wieder durch hohes Gegen-Pressing zu gewinnen und in der Balleroberungssituation schnell am Tor zu sein. Das ist eine Art von Spielphilosophie, die wir nicht haben. Wenn wir den Ball haben, dann wollen wir mit dem Ball auch Fußball spielen und sind nicht nur ausschließlich auf Wiedergewinnungssituationen aus. Und das machen wir auch. Im Spiel mit Ball sind wir dabei noch nicht so weit wie im Spiel gegen den Ball.
Jawattdenn.de:
Also betrachten sie die zur Spielphilosophie Hafenstraßenfußball gehörenden Merkmale bisher als weitgehend auf dem Platz umgesetzt?
Michael Welling:
Ja, aber natürlich muss das noch weiter verfeinert werden und benötigt noch Zeit. Gerade wenn man etwas Neues lernt, dann funktioniert es immer dann besser, wenn man merkt, dass das Gelernte auch funktioniert. Dann bekommt man Sicherheit. Andernfalls ist es umso schwieriger. Die ersten 25 Minuten in Wattenscheid und auch Teile davon, was wir in der ersten Halbzeit in Aachen gesehen haben, waren schon sehr gut. Schließlich fehlt aber die Überzeugung das durchzusetzen, wenn wir für den Aufwand auch belohnt würden, dann könnte diese Entwicklung auch schneller in der Umsetzung gehen, aber so brauchen wir noch ein wenig Zeit.
Jawattdenn.de:
Apropos Zeit. Wenn wir die heutige sportliche Situation mit der vor drei Jahren unter Wrobel vergleichen, dann ist nachvollziehbar, dass Kritik laut wird. Damals ist Wrobel mit einem kleineren Etat Vierter geworden mit Stammspielern wie Grummel, Denker und Guirino. Gefühlt hat er damit aus dem Kader das Optimum herausgeholt. Ist er damit am Ende Opfer seines eigenen Erfolges geworden, weil die Ziele anschließend höher angesetzt wurden und die Mannschaft anschließend nur noch „in Normalform“ spielte?
Michael Welling:
Zum einen muss man erstmal sagen, dass die Neuzugänge wie Knappmann oder Wingerter nicht einschlugen. Der vierte Platz zuvor hatte uns selbst überrascht und Anlass dazu gegeben, zu träumen. Allerdings muss man zum anderen auch festhalten, dass die Regionalliga damals noch eine andere Qualität hatte. Wir hatten nach der Regionalligareform noch nicht die hohe Leistungs- und Qualitätsdichte wie heute. Trotzdem haben wir damals 0:5 beim Absteiger Hüls und zu Hause 1:6 gegen Mönchengladbach verloren und wir sind in HöNi aus dem Pokal geflogen. Es sind viele Aspekte, die eine Rolle spielten. Wir standen tabellarisch am Ende der Saison gut da, aber die Leistungen waren teilweise gruselig. Dann haben wir mit den schon erwähnten Langlitz, Wingerter, Knappmann und Platzek gestandene Leute geholt, das war für unsere Verhältnisse der nächste Schritt. Aber es hat halt nicht funktioniert. Warum? Ich weiß es nicht, vielleicht, weil die Erwartungen an die Spieler von uns zu hoch waren. Es ist nun müßig darüber nachzudenken, was passiert wäre, wenn wir mit Waldi weitergearbeitet hätten. Was aber sicherlich richtig ist: Waldi hätte einen besseren Abgang verdient gehabt, auch wenn die Entscheidung der Entlassung an sich, dazu stehe ich nach wie vor, die richtige war.
Jawattdenn.de:
Es gab zuletzt Gerüchte, sie könnten demnächst die Brocken in Essen hinwerfen. Das hatten sie schnell dementiert, aber wir stellen trotzdem die Frage: Machen ihnen ihre Aufgaben hier weiterhin so viel Spaß, dass sie noch nicht an einen Tapetenwechsel denken?
Michael Welling:
Ja, an dem Gerücht ist nichts dran! Es gibt vielleicht ein paar Gründe, weshalb es entstanden ist, dazu kann ich nur sagen: Die Sportbranche ist sehr klein, deshalb gibt es auch immer wieder Vereine, die nachfragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte etwas anderes in Angriff zu nehmen. Daher rühren möglicherweise solche Gerüchte. Hier in Essen war das Kalenderjahr 2015 für mich sicherlich die anstrengendste Zeit. Leicht hatten wir es zwar nie, irgendetwas war immer, aber für mich persönlich war es die schwierigste Periode. Das hatte auch sehr viel mit persönlichem Wohlbefinden, konkret mit der Zeit mit Uwe Harttgen zu tun. Dazu kam noch die Entlassung mit den bekannten Begleitumständen, und auch danach konnten wir noch nicht wieder entspannt sein. Heute sage ich aber wieder aus ganz vielen Gründen: Mir macht die Arbeit Spaß. Ich blicke sehr, sehr zuversichtlich in die Zukunft - wirklich! - , heute noch viel mehr als vorher. Deshalb sehe ich keine Veranlassung, Rot-Weiss Essen zu verlassen, solange ich nicht vom Hof gejagt werde. Wir stehen noch am Anfang, und ich habe Bock darauf den Verein weiter voran zu bringen. Ich bin auch fest davon überzeigt, dass wir irgendwann aus der Liga herauskommen werden. Ich glaube auch, dass wir sehr viele richtige Entscheidungen in den letzten fünf Jahren getroffen haben. Der einzige Bereich, in dem wir hinterherhinken, ist der sportliche Bereich der ersten Mannschaft. Im finanziellen Bereich gibt es unter den Sponsoren zwar eine gewisse Fluktuation, aber auch dort konnten wir uns trotz der sportlichen Situation in der Summe stetig verbessern. Wir sind auch aktuell in Gesprächen mit vielen potenziellen Partnern und haben bereits jetzt sehr gute Ansätze für die Saison 2016/17, die wir schon intensiv vorbereiten. Wir haben noch Einiges in der Pipeline, so dass wir uns vermutlich im kommenden Jahr finanziell weiter konsolidieren und verbessern können, was uns ermöglichen wird, den einen oder anderen Aspekt etwas offensiver anzugehen. Deswegen bin ich auch bezüglich der Zukunft des Vereins total entspannt und irgendwann werden sich unsere Bemühungen auch im Bereich Sport der ersten Mannschaft auszahlen.
Jawattdenn.de:
Dann können wir doch gleich mal Mölders zurückholen!
Michael Welling:
(lacht) Das klappt leider nicht, ich hatte vor ein paar Tagen noch per WhatsApp Kontakt mit ihm, er möchte noch zwei, drei Jahre Profi-Fußball spielen.
Jawattdenn.de:
Unsere letzte Frage: Wie ist der Stand der Dinge bezüglich der Ausgründung der Profimannschaft?
Michael Welling:
Es gibt immer wieder Personen, die Anteile von Rot-Weiss Essen erwerben wollen – wir können aber keine verkaufen. Wir wollen auch nicht einfach verkaufen, sondern wir wollen strategische Partner, die mit uns gemeinsam etwas entwickeln möchten. In den letzten Jahren haben wir auch in diesem Bereich interessante Gespräche geführt, auch mit Leuten und Institutionen, bei denen wir das Gefühl haben, mit denen würde eine strategische Partnerschaft funktionieren. Sie könnten sich beteiligen, ohne den Verein auf links drehen zu wollen, sondern weil sie an die „Idee“ Rot-Weiss Essen glauben. Wenn ich das aus der Investoren-Brille sehe, dann gibt es aktuell in Deutschland kaum einen Fußballverein, der so gute Rahmenbedingungen für Investoren bereitstellt wie Rot-Weiss Essen: Neues Stadion, gute Fanszene, große Tradition, wirtschaftlich interessantes Einzugsgebiet, schwarze Zahlen mit ordentlicher Eigenkapitalbasis etc. Vor diesem Hintergrund ist es bei und mit RWE sehr gut möglich, etwas zu entwickeln. Aber es wird definitiv keine „Übernahme“ von RWE durch einen Investor geben, auch er müsste gewisse Rahmenbedingungen erfüllen.
Die Frage ist nur, will man das oder nicht? Das muss also mit den Mitgliedern diskutiert werden. Ich persönlich glaube, dass es viele Modelle mit Kapitalgesellschaften geben kann, mit denen man die Werte von Rot-Weiss Essen trotzdem wahren kann, auch was das Thema Fanmitbestimmung betrifft. Und ich glaube, das muss auch der nächste Schritt sein. Aber wir suchen sicher kein Red Bull!
Jawattdenn.de:
Herr Welling, wir bedanken uns für das wie immer sehr interessante Gespräch!
Das Interview führten Michael Jaskolla, und Hendrik Stürznickel